Maria in der Bibel

Offenbarung des Johannes

Ein Christ stellt sich gerne auch ungewöhnliche Fragen, wie etwa: „Ist Maria, die ich verehre, identisch mit jener, die uns in der Bibel vorgestellt wird, oder bevorzuge ich eher jene Maria, die meinen Bedürfnissen entspricht?" Klingt provokant? Um so besser, denn das Buch der Offenbarung des Johannes tut auch nichts anderes, als seine christlichen Zeitgenossen über ihr Glaubenszeugnis zum Nachdenken zu bewegen. Der symbolreiche und rätselvolle Text (verfasst gegen 95 n. Chr.) fällt in einen Zeitabschnitt, in dem die Christenverfolgung beginnt und das christliche Zeugnis gefordert wird. Und dem von diesen Ereignissen betroffenen Gottesvolk wird nicht zufällig ein „großes Zeichen" vor Augen geführt, nämlich „eine mit der Sonne bekleidete Frau", Zeichen der Treue und Standhaftigkeit (Kap. 12).

 

"Eine schwangere Frau, mit der Sonne umkleidet, und der Mond zu ihren Füßen..."; Gnadenbild von Maria Guadalupe
Eine Frau, mit der Sonne bekleidet...

Wenn es gleich am Anfang heißt: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel" (Vers 1), muss man annehmen, dass alles, was nachher gesagt wird, ein symbolisches Gewicht hat. Dieses Zeichen ist „eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt" (Vers 1). Sonne, Mond und Sterne sind kosmische Lichtquellen. Dieses Licht als Ausdruck des Daseins Gottes ruht auf der „Frau". Gott schenkt ihr seine ganze Gunst und Aufmerksamkeit (mit der Sonne bekleidet); er lässt sie die Zeiten überdauern (Mond als Zeitsymbol unter ihren Füßen); er krönt sie mit dem Siegeskranz der Gerechten (Sternenkranz) und versammelt in ihr all seine Kinder (zwölf). Wer ist sie denn, diese Frau? Sie steht für das zwölfstämmige Gottesvolk Israel einerseits und für die Zwölfapostelkirche andererseits - sie ist jene, der wir auch in Joh 19,25-27 begegnen.

Sie war schwanger und gebar ein Kind...

Nun wird eine andere Situation geschildert: Die Frau „war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen" (Vers 2). „Sie gebar ein Kind... Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt" (Vers 5). Mit dieser Beschreibung meint der Verfasser nicht die Geburt Christi zu Betlehem, sondern vielmehr das Osterereignis, die „Stunde" auf dem Kalvarienberg. Dieser „schwangeren Frau" mit ihren „Geburtswehen" begegnen wir übrigens auch in Joh 16,21-22 als einem Bild des bevorstehenden Leidens Jesu. Mit der „Geburt" und der „Entrückung des Kindes zu Gott" ist wiederum die Auferstehung, die „Wieder"-Geburt Jesu durch die Allmacht Gottes gemeint.

Der Drache stand vor der Frau...

Die Feindschaft zwischen dem Drachen bzw. der Schlange (Vers 9) und der Frau ist uns nicht neu; Gen 3,15 kündigt sie bereits an. Der Drache versucht zuerst, das Kind zu verschlingen (Vers 4). Da dies misslingt, wendet er sich gegen die Frau, die gleichfalls seiner Macht entkommt (Verse 13­16). Zornerfüllt über die Frau, beginnt er schließlich, den Krieg gegen ihre Nachkommen zu führen, „die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten" (Vers 17). Die Frau aber findet ihre Zuflucht in der Wüste, wo sie für 1260 Tage bzw. für „eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit" Nahrung hat (Verse 6.14). Mit diesen Szenen wird sowohl die Probezeit des Volkes Israel in der Wüste zum Ausdruck gebracht, als auch die Verfolgung der Kirche, des neuen Gottesvolkes. Die numerische Symbolik ergibt den Zeitabschnitt von 3,5 Jahren: „3,5" ist die Hälfte der biblischen Vollkommenheitszahl „7" und besagt, dass Gott diesem Übel eine Zeitgrenze gesetzt hat; der Teufel selbst weiß, wenig Zeit zu haben (Vers 12). Das alte sowie das neue Gottesvolk können sich inzwischen auf ihren sorgsamen Gott Vater verlassen: Er nährt sein Volk mit Manna bzw. mit dem Brot der Eucharistie.

Maria und die „Frau"...

Obwohl die „Mutter Jesu" - wie die johanneische Tradition Maria nennt - in Offb 12 nicht ausdrücklich vorkommt, ist es berechtigt, sie in dem Gottesvolk inbegriffen zu wissen. Die Urkirche kannte die Mutter Jesu und wusste von ihrer Treue zum Gesetz Gottes und von ihrer Beharrlichkeit in der Nachfolge Christi, angefangen in Nazaret bis hin nach Jerusalem. Insofern sie nach der Auferstehung Jesu das Leben mit der Christengemeinschaft von Jerusalem teilte (Apg 1,14), war sie unmittelbare Zeugin der ersten Christenverfolgung seitens der jüdischen Autoritäten, aber auch der befreiender Macht ihres auferstandenen Herrn.

Fr. Fero M. Bachorík, osm