verfasst: im Mai 2010

„Lass sie spüren, dass wir sie lieben!“

Ein Besuch im Waisenheim der Servitinnen in Mezökeresztes, Ungarn

 

Die Schwestern heißen die Gäste willkommen
Es ist ein herrlicher Frühlingsmorgen: strahlend blauer Himmel, die Sonne scheint warm und die blühenden Obstbäume sind eingehüllt in vielstimmiges Bienensummen. Vor der Kirche auf der anderen Straßenseite brütet, hoch oben auf einem Strommasten, ein Storch. „Die Idylle trügt“, begrüßt uns Sr. Edita, „bis vor wenigen Tagen hatten wir es kalt und regnerisch.“ Die Schwester heißt uns herzlich willkommen. Gemeinsam mit P. Philippe M. van Dael, den P. Provinzial und ich in Eger besucht hatten, wollten wir auch den Schwestern einen Besuch abstatten.

Die Schwestern leiten hier in Mezökeresztes, ca. 30 km östlich von Eger im Osten Ungarns, ein Waisenheim, das aus zwei Häusern besteht. In beiden Häusern können jeweils 12 Kinder oder Jugendliche aufgenommen werden, die Waisen sind oder aus verwahrlosten Familien kommen. Der Staat teilt die Kinder zu: „In letzter Zeit aber wird es immer schwieriger, die beiden Häuser zu füllen. Der Staat bevorzugt es, die Kinder in Adoptivfamilien unterzubringen. Uns schicken sie dann nur mehr die harten Fälle von schwer erziehbaren Kindern. Dahinter steckt auch eine wenig kirchenfreundliche Politik.“ Für die Schwestern bedeutet dies eine zweifache Schwierigkeit: Zum Einen ist es ein finanzielles Problem, wenn sie, wie derzeit, nur mehr 7 bzw. 8 Kinder und Jugendliche im Heim haben, denn sie müssen trotzdem das ganze Personal anstellen, bekommen vom Staat aber nur gleich viel Geld pro Kind. Zum Anderen stellt sie die Arbeit mit schwer erziehbaren Heranwachsenden vor besondere Herausforderungen, denen sie oft kaum gewachsen sind.

Dann erzählt Sr. Edita, eine gebürtige Chilenin, vom Schicksal einzelner Kinder, etwa von einem Schwesternpaar, das aus einer total verwahrlosten Familie kommt; von einem Mädchen, das in seinen jungen Jahren schon Erfahrung mit Drogen und Prostitution gemach hat; von einem Jungen, für den Gewalt von klein an zum täglichen Brot gehörte. Er ist so voller Aggressionen, dass er manchmal alles kaputt schlägt. Sr. Edita zeigt die Spuren solcher Wutanfälle: Tiefe Löcher in der Wand und Schäden an den Kästen und Türen: „Wir müssten alle Glastüren austauschen lassen durch Holztüren, weil er einige Male hintereinander alle Glasscheiben eingeschlagen hat. Dabei sind war jedoch froh, dass er sich nie verletzt hat.“ Inzwischen, so erzählt die Schwester weiter, seien die Wutanfälle seltener, der Bub lasse sich dann auch schneller beruhigen. „Diesen Kindern zu zeigen, dass sie geliebt sind, ist so wichtig. Dafür tun wir alles. Aber sie tun sich so schwer, diese Liebe anzunehmen. Wenn sie diese Erfahrung zulassen, geliebt zu werden, dann können wir oft erleben, wie die Liebe Wunder wirkt.“

P. Philippe besucht die Kinder jede Woche. Sie laufen ihm freudig entgegen und balgen sich mit ihm. Beim Zuschauen spürt man, wie viel Aggressionen frei werden. Harte Schläge werden ausgeteilt: armer P. Philippe. Aber im spielerischen Gerangel entladen sich die Spannungen. Wenn die Kinder dann ermüden, gehen sie zu ruhigeren Spielen über und zeigen stolz ihr neues Spielzeug, das sie zu Ostern erhalten haben. Als P. Philippe Süßigkeiten aus einer Tasche zieht, leuchten die Kinderaugen auf: Kinder bleiben Kinder. In der Küche helfen ein Mädchen und ein Bub unter dem aufmerksamen Blick der Köchin beim Zubereiten des Mittagessens: Stolz lassen sie sich fotografieren und tuscheln aufgeregt miteinander. Vor dem Mittagessen feiern wir mit den Schwestern die Heilige Messe. Sie haben das Dachgeschoss ausgebaut und dort eine neue Kapelle eingerichtet. Diese Kapelle dürfen wir gemeinsam einweihen. Einige der Mädchen feiern die Messe mit. Eine Schwester betet bei den Fürbitten: „Jesus, lass diese Kinder spüren, dass du sie liebst. Öffne ihr Herz, dass sie sich von dir lieben lassen; und lass unser Zeugnis so sein, dass sie uns glauben, dass auch wir sie lieben.“

 fr. Martin M. Lintner OSM